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Entstehung des Ortes und die Herkunft des Namens

Niedersachswerfen
Vor über 1000 Jahren sah es in der Heimat noch ganz anders aus als heute. Wohl waren die Berge schon da, sie waren aber mit dichtem Wald bedeckt, der bis in die Täler reichte. Behre und Zorge brachten schon damals große Mengen Steine, Kies und Schlamm mit. Dieses Geröll hat sich im Laufe der Zeit fast 30 m stark abgelagert. Heute werden die Flußbetten von Zeit zu Zeit ausgebaggert, damit das Wasser ungehindert abfließen kann. Das ist bei Schneeschmelze oder bei großen Regengüssen besonders wichtig. Vor 1000 Jahren blieben aber Steine, Kies und Schlamm im Flußbett liegen. Diese Ablagerungen versperrten den Wassermassen den Weg und sie suchten sich ein neues Flußbett. Die Flüsse aus dem Harz wechselten so ständig ihren Verlauf, sie teilten sich in mehrere Flußarme, es bildeten sich kleine Teiche und Sümpfe. Bei Hochwasser war oft die ganze Talsohle überschwemmt. Straßen und Brücken gab es damals noch nicht. Mühsam war die Suche nach einer günstigen Wegstrecke, um mit Pferd und Wagen voranzukommen. Flüsse wurden an flachen Stellen, den sogenannten Furten, durchquert.
Nun ging gerade über unsere Heimat ein wichtiger Handelsweg von Süden nach Norden, der Heidenstieg, später auch Königsweg oder Kaiserweg genannt. Der Handelsweg kam von Süddeutschland über Erfurt und Nordhausen, überquerte an der Dietfurt (Kohnsteinmühle) die Zorge. Als Heidenstieg überquerte er den Harz bis Goslar.
In unserem Ortsgebiet teilte sich der Handelsweg. Eine Straße ging in Richtung Woffleben - Ellrich, die andere führte zu den Harzpässen im Norden des Ortes: Steinmühlental, Ilfelder Tal und Neustadt. Die Straße von Nordhausen über Hasselfelde nach Wernigrode nannte man den Trog - und Treckweg. Die Behre konnte an zwei Furten durchquert werden.
(Northeimer Straße und Appenröder Straße - heute sind dort Brücken). Die Leipziger Straße, der Kupferhammer und die Bahnhofstraße sind noch Reste dieser alten Handelsstraße, die in unserem Bereich vom fränkischen ins sächsische Gebiet wechselte. Die Aufschüttung der Großen Bahnhofstraße entstand, weil man immer neues Material zum Füllen von Löchern heranbrachte.
Unsere Heimat war somit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in unmittelbarer Grenznähe. Was liegt näher, als hier eine Art Grenzstation zu errichten, deren Bewohner die Wege kontrollieren konnten. Sie hatten die Reisenden zu schützen und die Wege zu erhalten. Sicher hatte man auch Wegezoll genommen.
Da das Tal oft durch Hochwasser bedroht war, errichteten die Sachsen das „feste Haus“ auf einer künstlichen Erdaufschüttung. Diese Bauweise kannten sie aus ihrer alten Heimat. Wir finden heute noch auf den Nordseeinseln solche künstlichen Erdhügel. Sie werden dort Wurten, Warten oder Warften genannt.
Sie schützen Menschen, Vieh und Gebäude bei Sturmfluten.
Unsere Sachsenwart ist so angelegt, daß sie genau im Schnittpunkt der vier Täler liegt, die in Nordsüdrichtung und Westostrichtung verlaufen. Man kann also von hier aus alle Straßen und Furten kontrollieren. Kein Berg der Umgebung bietet die gleiche Möglichkeit.
Es sollte noch gesagt werden, daß eine erhöhte Bauweise auch das Ansehen der Bewohner verbesserte.
Diese Bauweise ist also eine sehr bewußt geschaffene.
Im Schutze dieser Wart siedelten sich Bewohner an. Sie bauten aber ihre Häuser nicht unmittelbar an der strategisch liegenden Wart, sondern im günstigen Wetterschutz des Mühlberges.

So bekam der Ort seinen Namen von der Sachsenwart und wurde Sahswirphen. Als später an einer weiteren künstilichen Erdaufschüttung ein Ort entstand, der auch den Namen Sachswerfen bekam, wurden, entsprechend der Höhenlage, die Orte Ober- und Niedersachswerfen genannt.
Die Schreibweise von Sachswerfen wechselte in den Jahren.
So wandelte sich die Silbe werf von wirp und warp aus dem Gotischen über warp aus dem Althochdeutschen in werf.
Die Mode, Latein zu schreiben, und die unterschiedliche Rechtschreibauffassung der einzelnen Schreiber taten ein Übriges. Wir finden so:
Saswirphen, Saxwirpen, Sachswerpen, Sasswerff, Saxwerfen, Saxwerpen, Saxverpia orienttalis (das östliche Sachswerfen), Neddersachswerfen, Sasswerff inferior (das Minderwertige im Gegensatz zu Superiorität für das Erhabene und Überlegene) und andere.
Neben dieser Deutung des Namens Niedersachswerfens gibt es noch eine Reihe andere.
Eine davon lautete:
Sechs werfen sich zusammen. Man bezieht sich bei der Deutung auf den Fleglerkrieg und auf die Zerstörung umliegender Orte. Es waren aber nur drei Orte (Wallrode, Ballrode und Bischofferode), deren Einwohner zu Sachswerfen kamen. Außerdem gab es den Namen Sachswerfen schon hunderte von Jahren vor dem Fleglerkrieg.

Eine andere Deutung bezieht sich auf das germanische Kurzschwert SAX. Mit diesem Schwert sei den Übeltätern der Kopf abgeschlagen worden. Aus SAX und werfen sei der Name entstanden. Dem widerspricht, daß auf dem Riewenhaupt nur die niedere Gerichtsbarkeit gehalten wurde, denn es gibt keine Angabe über eine höhere. Eine so grausame Namensgebung ist kaum denkbar.
Ein weiterer Zusammenhang wird zu der lateinischen Bezeichnung sax für Felsen hergeleitet.
Die Wart zu Sachswerfen ist unser Riewenhaupt. Wir finden auch die Bezeichnung Rievenhaupt, Riesenhaupt und Rübenhaupt.
Auch hier liegt der Grund in der unterschiedlichen Rechtschreibung und Überlieferung. Befand sich auf dem Riewenhaupt zuerst ein „festes Haus“ (die Reste finden wir heute noch in einigen Felsbrocken, denen Mörtel anhaftet), so wurde die Anlage später, als die verkehrstechnische Bedeutung sich geändert hatte, als Gerichtsstätte genutzt. Der Name Sasswerff inferior deutet darauf hin, daß hier nur die niedere Gerichtsbarkeit vollzogen wurde. Im Gegensatz zu dem Beinamen inferior werden einige Orte der Umgebung mit dem Beinamen superior genannt.
(Inferiorität steht für Minderwertigkeit, Superiorität für Erhabenheit, Überlegenheit)
Bei einigen Orten finden wir sogar beide Namen. (Saltz inferior und Saltz superior.) 1)
Auf dem Riewenhaupt wurde so über einige Jahrhunderte verhandelt, meist waren es Verkäufe oder Schenkungen. Es sind darüber noch einige Urkunden vorhanden.
Die letzte Gerichtsverhandlung auf dem Riewenhaupt war 1502.
In der Überlieferung machte sich der Mensch Gedanken über das Aussehen des künstlichen Erdhügels. Mit wenig Phantasie kann man den Hügel als Kopf eines Riesen oder Riewen, der aus der Erde herausragt, ansehen. Die Linden sind dann als dessen Haare zu deuten. Auch liegt ein Vergleich mit einer großen aus der Erde herausragenden Rübe nahe.
Über die Entstehung des Riewenhauptes gibt es eine nette Sage:
Einst wanderte ein Riese vom Harz zu seinen Verwandten ins Thüringer Land. Sein Schuhwerk war nicht das Beste und der Weg sehr steinig. Bald drückte ihm der Schuh, denn durch die Löcher waren Sand und Steine hineingeraten. Ärgerlich hielt er in seiner Wanderung inne, setzte sich auf den Kirchberg und zog seine Schuhe aus. Da hatte sich eine ganze Menge Sand und Steine angesammelt. Er schüttete alles heraus und zog die leeren Schuhe wieder an. Nun konnte die Wanderung fröhlich fortgesetzt werden.
Uns hinterließ er einen Hügel, das Riewen- oder Riesenhaupt.

1) Vergl. Heringer Chronik S. 15

Auszug aus dem historischen Lesebuch für junge und alte Leute über die Vergangenheit unseres Ortes von Hannelore und Günter Trautmann.

 

Auszug Chronik H.Römer